Kirche im Dunkeln

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Über den Sinn einer Kirchenerkundung im Dunklen

Ruth Görnandt, Pastorin und Kirchenpädagogin

Das Sehen ist der wichtigste Sinn, wenn wir die Bedeutung eines Kirchenraumes erfassen wollen. Wir sehen den Baustil und lassen uns in eine bestimmte Zeit mit ihren Vorstellungen führen. Wir sehen Brüche und Veränderungen, die uns Hinweise auf die Geschichte eines Gebäudes geben. Wir sehen die Raumaufteilung sowie die Anordnung der Prinzipalstücke und erkennen die liturgischen Funktionen, für die der Kirchenraum erbaut wurde. Diese Aufzählung ließe sich noch lange fortsetzen. Bei Führungen und kirchenpädagogischen Erkundungen leiten wir die Menschen deshalb an, genauer hinzusehen: Wir bremsen das schnelle, oberflächliche Sehen, um den Augen unserer Gäste die Möglichkeit zu geben, aufmerksamer als gewohnt wahrzunehmen.
Kirchenpädagogik setzt die Erkundung eines Kirchenraumes im Dunkeln als eine Methode ein. Kann aber nach dem eben Gesagten das Ausschalten des Sehens tatsächlich eine legitime Methode sein, um dem Raum und seiner Aussage wirklich auf die Spur zu kommen? Besteht nicht die Gefahr, dass der Raum damit zum Schweigen gebracht wird? Leicht drängt das eindrückliche Erlebnis den konkreten Raum an den Rand. Der Kirchenraum wird zur austauschbaren Kulisse einer ungewöhnlichen Selbsterfahrung, ohne dass er etwas von seiner Aussage und seiner Geschichte mitteilen könnte. Um diese Gefahr zu umgehen, möchte ich mich im Folgenden mit der Frage beschäftigen, unter welchen Bedingungen eine Erkundung im Dunkeln eine kirchenpädagogisch verantwortbare, das heißt den Raum wirklich erschließende Auseinandersetzung bieten kann. Es geht mir in diesem Beitrag weniger um die Form der Erkundung im Dunkeln. Die Übung, die ich hier beschreiben werde, ist relativ schlicht. Es geht mir vor allem darum, wie die Methode in einem größeren Kontext der Raumerschließung kirchenpädagogisch sinnvoll eingesetzt werden kann.
Eine grundlegende Methodik der Kirchenpädagogik besteht, wie schon angedeutet, darin, die Wahrnehmung zu verlangsamen und zu intensivieren. Dabei lenken wir die Wahrnehmung der Teilnehmer bewusst auf einzelne Sinne: auf das Hören, Riechen, auf das Raumgefühl, den Geruch, auf die haptische Wahrnehmung usw. Die Hervorhebung einzelner Sinneswahrnehmungen ist aber kein Selbstzweck. Das übergeordnete Ziel all dieser Übungen ist, die Teilnehmer in die Auseinandersetzung mit der Aussage eines Kirchenraumes zu führen. In diesem Kontext bedeutet die Ausschaltung oder Reduktion der optischen Wahrnehmung, dass wir einen sehr dominanten Wahrnehmungssinn, der dazu noch zur schnellen, oberflächlichen Erfassung tendiert, gezielt zurücknehmen. Damit können wir die anderen Sinneswahrnehmungen stärken, was zu einer vollständigeren Raumerfassung führen kann. Außerdem können wir bestimmte wichtige Aspekte eines Kirchenraumes herausarbeiten, die sonst schnell übersehen werden.
Aus diesen Vorüberlegungen wird klar, dass die Erkundung einer Kirche im Dunkeln für sich allein eine Kirche nicht ausreichend erschließen kann. Sie entfaltet ihre besonderen Möglichkeiten nur, wenn sie an eine sehende Erfassung des Raumes anknüpfen kann. Daraus ergeben sich zwei Möglichkeiten, die Erkundung im Dunkeln sinnvoll einzubetten: Wir können damit a) eine bereits bekannte Kirche neu erschließen oder b) die Erstbegegnung mit einer noch unbekannten Kirche durchführen. Die erste Möglichkeit habe ich oft in der Klosterkirche Loccum angewandt, die zweite in einer kleinen Kirche in der Nähe von Loccum, in der St. Katharinen-Kirche in Bergkirchen. Alle Begehungen fanden im Rahmen mehrtägiger Seminare statt.

Erschließung einer bereits bekannten Kirche

Die Klosterkirche in Loccum ist Teil eines Zisterzienserklosters, das 1163 im damaligen Bistum Minden gegründet wurde. Heute liegt es im niedersächsischen Landkreis Nienburg. Das Problem dieses Raumes liegt darin, dass er im 19. Jahrhundert von einer Kloster- in eine Gemeindekirche umgewandelt wurde. “Das bedeutete die Entfernung des Lettners und des Chorgestühls im Ostteil sowie der Gemeindekirche, die im Westteil nach der Reformation entstanden war, und ihrer Renaissance-Ausstattung.” Die damit verbundene Aufhebung der Raumgliederung führte dazu, dass das große, leere Mittelschiff nun das Hauptgewicht erhielt und die wenigen verbliebenen Seitenräume aus der Raumwahrnehmung verdrängte. Dies kam allerdings dem Historismus des 19. Jahrhunderts entgegen, der Kirchenräume als große Einheitsräume konzipierte. Die Entfernung der monumentalen historistischen Ausstattung nach einem Brand 1947 verschärfte die Situation noch. Die ursprünglich gewollte Ruhe und Schlichtheit der zisterziensischen Architektur erhielt besonders im Hauptschiff eine unverhältnismäßige Wucht. Neben Menschen, die diesen weiten, relativ leeren Raum als wohltuend empfinden, gibt es immer wieder Menschen, denen der Raum zu wenig Halt gibt. Sie empfinden die großen grauen Wandflächen als abweisend und fühlen sich im Raum verloren.

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Die Klosterkirche in Loccum in einer alten Graphik und heute. Foto: Rolf Görnandt

Das Ziel der Erkundung im Dunkeln besteht vor allem darin, die durch die Umgestaltungen marginalisierten Unter- und Nebenräume des Raumes stärker in das Bewusstsein zu rücken. Die Seitenschiffe und die Räume unter den Emporen sind vor allem an ihrer gegenüber dem Hauptschiff unterschiedlichen Akustik zu erkennen. Die Emporen sind durch die aufsteigende Bewegung des Treppensteigens wahrzunehmen. Und der Altarraum schließlich wird durch Weihrauch für den Geruchssinn als anderer Raum markiert. Darüber hinaus erhalten die Teilnehmer die Möglichkeit, durch Berührungen die Materialien des Raumes zu erfassen und damit eine direkte körperliche Beziehung zu einzelnen Raumelementen aufzunehmen.
Der Raum kann sich den Teilnehmern auf diese Weise in seinem mittelalterlichen Raumkonzept erschließen, für das die Unter- und Seitenräume direkte liturgische und religiöse Bedeutung hatten. Außerdem kann er ihnen eine emotionale Verortung ermöglichen, indem er sie durch seine Raumvielfalt sowie durch Hören, Raumgefühl, Tasten und Riechen in ihren leiblichen Dimensionen direkt anspricht.

Die Erstbegegnung mit einem Kirchenraum

Die St. Katharinen-Kirche liegt in Bergkirchen im niedersächsischen Landkreis Schaumburg. Sie stammt im Kern aus dem 12. Jahrhundert und weist verschiedene Erweiterungen bis ins 14. Jahrhundert auf. Deutlich zu sehen sind die Spuren der Erweiterung und Veränderung, auch die unterschiedlichen Epochen sind gut zu erkennen. Des Weiteren fällt der Blick auf die farbige Ausmalung und die für den kleinen Raum verhältnismäßig reiche Ausstattung.
Die Erstbegegnung mit diesem Raum im Dunkeln hat zwei Ziele. Das Sehen soll zum einen zurückgenommen werden, um die Aufmerksamkeit der Teilnehmer auf das Raumgefühl zu lenken, das die tatsächlichen Raummaße erschließt. Wer den Raum zuerst sehend erfasst, nimmt ihn aufgrund der Fülle als wesentlich kleiner und enger wahr. Zum andern soll das Sehen am nächsten Tag vorbereitet werden. Die haptische Wahrnehmung einzelner Gegenstände, zu der ich die Teilnehmer ausdrücklich ermutige, führt dazu, kleinere Details zu erkennen statt sich gleich vom Blick auf das Ganze ablenken zu lassen. Außerdem nutze ich den Kontrast des tatsächlichen Raumes zu dem Raum, den sich die Teilnehmer durch die Begehung im Dunkeln vorstellen. Denn alle stellen sich den Raum, den sie nicht sehen, automatisch viel einheitlicher vor, als er ist. Zudem fehlt in der Vorstellung die Farbigkeit und Bewegung der Ausmalung sowie der Reichtum der Ausstattung. Alle diese Elemente fallen am nächsten Tag viel schärfer ins Auge und führen zum genaueren Hinsehen, zu einer umfassenderen Raumerfassung und zu Fragen über den Sinn.

Die Methode

Meine Begehung im Dunkeln dauert etwa 45 Minuten. Zu Anfang erläutere ich noch vor der Kirche den Ablauf. Die Begehung findet im Schweigen statt, weil sich dadurch die Aufmerksamkeit vertieft. Mit dem Klingeln eines kleinen Glöckchens gebe ich das Zeichen für die jeweils nächste Phase. Und für den Auszug aus der Kirche, mit dem die Begehung endet, üben wir schon an dieser Stelle einen schwingenden Kanon ein. Der erste Teil findet in Partnerarbeit statt. Ein Partner schließt die Augen, der andere legt ihm eine Hand auf die Schulter, mit der er ihn lenkt. In die andere Hand nimmt er eine Kerze (z. B. ein Teelicht im Glas). So gehen beide in die Kirche hinein. Der Kirchenraum ist nur durch die Kerzen am Altar beleuchtet. Der blinde Partner soll an unterschiedliche Orte geführt werden, und er soll Materialien und Gegenstände betasten. In der Zwischenzeit beräuchere ich den Altarraum mit Weihrauch. Nach etwa 10 Minuten wechseln die Partner auf das Klingeln des Glöckchens hin. Nach weiteren 10 Minuten lösen sich die Paare dann auf. Alle, die nun keine Kerze in der Hand haben, können sich noch eine Kerze holen. Jetzt haben alle noch einmal etwa 10 Minuten Zeit, um den Raum für sich allein zu erkunden. Auf das Klingeln des Glöckchens kommen alle im Altarraum zusammen. Dort stimme ich den Kanon an und wir ziehen im Rhythmus des Kanons durch verschiedene Raumteile in Richtung Ausgang.

Fazit

Die Erkundungen im Dunkeln, die ich durchgeführt habe, waren immer sehr intensive Begegnungen mit einem Kirchenraum. In der Auseinandersetzung mit dem Raum konnten sie aber ihre Wirkung nur dadurch entfalten, dass sie in einen größeren Zusammenhang eingebettet waren, zu dem auch das Sehen gehört. Kirchenpädagogisch verantwortet diese Methode einzusetzen, bedeutet für mich deshalb, dass die Kirchenpädagogin genau reflektiert, was Sinn und Funktion einer Erkundung im Dunkeln im Gesamtkontext der Arbeit mit einem Kirchenraum sein sollen.

Ruth Görnandt, Pastorin in Aus- und Weiterbildung für Klosterführungen

Geschrieben von Grünewald am 26. October 2008 | Abgelegt unter Kirche im Dunkeln,Methoden | Keine Kommentare

„Wo geht’s denn hier zur Geisterstunde?“

 

Erfahrungen mit einer spirituellen Abendführung in der Drübecker Klosterkirche

Susanne Drewniok und Christoph Rätz

 

Drübeck liegt an der Straße der Romanik am Nordrand des Harzes in der Nähe von Wernigerode. Die Klosterkirche wurde im 10. Jahrhundert gebaut. Zunächst war Drübeck ein Benediktinerinnenkloster, nach der Reformation ein evangelisches Damenstift, und heute beherbergt es als Evangelisches Zentrum das Haus der Stille, das Pastoralkolleg und das Pädagogisch-Theologische Institut der evangelischen Kirche der Kirchenprovinz Sachsen. Tagungshaus, Hotel und Ausflugsziel – die Klosteranlage mit der romanischen Kirche und den historischen Gärten ist inzwischen für viele Menschen zu einem anziehenden Ort geworden. In Gästebucheintragungen finden sich immer wieder Hinweise auf die besondere Atmosphäre der Klosterkirche. Ruhe und Klarheit strahlt sie aus, zeigt aber auch Spuren von Alter und Verletzung.

In den letzten Jahren haben in Städten „Nächte der Kirchen“ das Interesse zahlreicher Besucherinnen und Besucher gefunden. Wahrscheinlich ist es vor allem die Atmosphäre, die Menschen in nächtliche Kirchen zieht. „Kirche im Dunkeln“ ist auch für Kirchenferne ein Angebot, das sie den Kirchenraum einmal ganz anders und vielleicht intensiver erleben lässt.

Unsere Abendführung geht auf das Interesse nach atmosphärisch besonderen Orten ein. Wir verstärken allerdings dieses intensive Erlebnis des Aufenthalts in der dunklen Kirche, indem wir dort Orte aufsuchen, die ein Erleben mit verschiedenen Sinnen ermöglichen (Fühlen, Schmecken, Hören, Schauen). Vorgetragene Texte regen dazu an, diese Orte und ihren christlich-spirituellen Gehalt als persönlich bedeutsam zu empfinden.

Wie soll man solch eine ungewöhnliche Kirchenführung nennen? Die oben zitierte Frage eines Besuchers, „Wo geht’s denn hier zur Geisterstunde?“, zeigt, dass „spirituelle Kirchenführung“ nicht allen verständlich ist und manche dabei wohl eher an „spiritistisch“ denken. Aber dieses Missverständnis nehmen wir in Kauf, denn die Alternativen erscheinen noch weniger geeignet: „Kirchenführung im Kerzenschein“ klingt nach Adventsgemütlichkeit, „Kirchenführung mit allen Sinnen“ nach einer ganzheitlichen pädagogischen Maßnahme und „geistliche Kirchenführung“ erscheint zu eng mit Gottesdiensten verknüpft. Unsere „spirituelle Führung“ ermöglicht den Besucherinnen und Besuchern, an ausgewählten Stationen die Kirche zu erleben, gibt ihnen wenige aber gezielte theologische, ikonographische und kunstgeschichtliche Informationen und eröffnet behutsam persönliche Interpretationsmöglichkeiten.

 An dem Samstagabend im April ist es im Klosterhof um 21.00 Uhr noch nicht ganz dunkel. In der Kirche haben wir alle Treppenstufen mit Lichtern markiert (Schälchen mit Teelichten) und darüber hinaus nur an unseren Stationen einzelne Kerzen angezündet.

 Die Führung beginnt im Hof vor dem Südeingang der Kirche. Wir stellen uns kurz vor, informieren über unser Vorhaben, bitten um Ruhe in der Kirche und kündigen an, nach der Führung für Fragen zur Verfügung zu stehen. Dann betreten wir ruhig die Kirche. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer (zwanzig Personen, überwiegend mittleren Alters, keine Kinder und Jugendlichen) nehmen sich jeweils eine bereitliegende Kerze (Haushaltskerze mit Tropfschutz), zünden sie an und kommen zur 1. Station.

Am alten verwitterten Taufbecken im Querschiff erzählen wir von einer Taufe in der Osternacht und regen zum Erinnern an selbst erlebte Taufen an. „Taufe – Ausdruck einer Entscheidung: Ja, ich möchte zur christlichen Gemeinde gehören. Ja, ich möchte, dass mein Kind zur Gemeinde gehört. Taufe – Anfang eines neuen Weges. Taufe – Bekenntnis zu Jesus Christus. Taufe – Wahrnehmung der Zusage Gottes ‚Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein.’ (Jes 43,1)“. Dann laden wir ein, ans Taufbecken zu treten und etwas Wasser auf der Haut zu spüren (Hand oder Stirn). Als fast alle dieser Einladung gefolgt sind, lesen wir ein kurzes Gebet (in Anlehnung an das Lied „Ich lobe meinen Gott, der aus der Tiefe mich ruft“): „Gott holt mich aus der Tiefe zum Leben und befreit mich zur Freiheit. Gott zeigt mir den Weg zum Handeln und lehrt mich Reden. Gott lässt mich lachen und verschafft mir freien Atem. Ehre sei Gott und den Menschen Frieden!“

Die 2. Station ist die Engel-Skulptur an der Nordwand des Hohen Chors. Hier erzählen wir vom Propheten Elia, dem in der Wüste ein Engel begegnete: „Steh auf und iss. Du hast einen weiten Weg vor dir. (1. Kö 19,5)“. „Gott ist da für dich – manchmal ganz handfest, wenn wir Stärkung benötigen für den Weg, der vor uns liegt. Ich lade Sie nun ein, ein Stück Brot zu essen, und dabei vielleicht zu überlegen: Wofür brauche ich Stärkung?“ Als alle sich Brot aus dem Körbchen genommen haben, lesen wir: „Gott begleitet mich auf meinem Weg und ist für mich da. Gott stärkt mich und gibt mir Kraft zum Weitergehen. Gott nimmt mir die Schwere und lässt mich wieder Freude spüren. Ehre sei Gott und den Menschen Frieden!“

Dann wird die folgende 3. Station eingeleitet. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer suchen sich einen individuellen Platz in der Kirche (sitzen, stehen oder gehen umher). Sie hören drei Stücke einer CD mit gregorianischer Musik (Lieder von Hildegard von Bingen), die vor einigen Jahren in dieser Kirche aufgenommen wurden. Als die Musik nach etwa zehn Minuten verklungen ist, versammeln sich alle in der Vierung.

 Die 4. Station ist der spätgotische Flügelaltar. Er zeigt Christus und Maria als Königspaar auf dem himmlischen Thron, umringt von Aposteln und Heiligen. Die goldene Hintergrundfarbe verweist darauf, dass die dargestellte Szene im Himmel stattfindet. Wir lassen den Teilnehmerinnen und Teilnehmern etwas Zeit, die Darstellung auf sich wirken zu lassen. „Vielleicht erinnern Sie sich an einen Moment, als Sie dachten: Das ist ein Stückchen Himmel auf Erden!“

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 An der 5. Station, dem Dornbuschleuchter in der Westapsis, erzählen wir von Mose, der am brennenden Dornbusch Gottes Auftrag erhielt (2. Mose 3). „Mose hat sich eingelassen auf die Aufgabe, die er sich nicht gesucht hatte. Trotz aller Bedenken und Ängste hat er Gottes Auftrag angenommen. Er hat ihn ausgeführt auf seine Weise, so, wie er es konnte. Und das war genug. Hier an unserem Dornbuschleuchter zünden Menschen Kerzen an. Hier wird nachgedacht und gebetet, gelacht und geweint. Manch einer gewinnt Klarheit für den eigenen weiteren Weg. Und dann ziehen sie weiter, vielleicht ein bisschen verändert. Und mit Gottes Hilfe ist das genug.“

Nun fordern wir die Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf, die Kerzen auf den Leuchter zu stecken, fassen uns an den Händen und verabschieden uns im Kreis mit einem Segen (nach einem irischen Reisesegen): „Gott segne uns den Weg, den wir nun gehen, Gott segne uns das Ziel, für das wir leben. Sein Segen sei ein Licht um uns her und innen in unseren Herzen. Aus unseren Augen strahle sein Licht wie Kerzen, die im Dunkel entzündet werden. Wem immer wir begegnen, wenn wir weiterziehen, ein freundlicher Blick von ihm möge uns treffen. Gott schütze euch. Geht in seinem Frieden. Amen.“

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Anschließend gehen wir zurück zum Ausgang. Die Führung hat etwa 45 Minuten gedauert. Die meisten Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind schnell verschwunden. Einige wenige bleiben, stellen ein paar Fragen zur Geschichte des Klosters und sagen, dass ihnen die Führung gut gefallen hat. Aus der Zeitung hatten sie davon erfahren, waren zum ersten Mal hier und wollen bestimmt wieder kommen. Dann ziehen sie davon. Wir räumen auf, trinken ein Glas Wein und besprechen unsere Eindrücke.

Was haben wir mit der Führung im Dunkeln erreichen können? Wie ist die Kirche erlebt worden? Da nur wenige Gäste im Nachhinein das Gespräch gesucht und uns ihre Empfindungen mitgeteilt haben, bleibt vieles unbeantwortet. Soviel aber: Ablauf und Methodik seien ansprechend gewesen, auch die einzelnen Texte/Meditationen hätten beeindruckt. Wir merken: die Verknüpfung von Lesung und gemeinsamer Handlung bei einer Station kann jene ganzheitliche Erfahrung ermöglichen, die mancher beim „profanen“ Kirchenbesuch vermisst. Der Sinnesreiz hilft und ergänzt dort, wo theologische Inhalte kirchenferneren Teilnehmern unzugänglich bleiben. So können Personen mit unterschiedlichsten Hintergründen mit einbezogen werden. In unserer kleinen Schar fanden sich langjährige Kirchenmitglieder ebenso wie eher säkulare Kulturinteressierte. Beide Gruppen zeigten sich vom Gebotenen gleichermaßen berührt. Wir sind jedenfalls froh, den Gästen einen schönen Abend beschert zu haben und wüssten zu gern, wie es dem Mann gefallen hat, der eine „Geisterstunde“ erwartet hatte!

 

Susanne Drewniok, Dozentin für Religionspädagogik am Pädagogisch-Theologischen Institut Kloster Drübeck.

Christoph Rätz absolvierte im Evangelischen Zentrum Kloster Drübeck ein Freiwilliges Soziales Jahr in Einrichtungen der Denkmalpflege und studiert jetzt Theologie in Jena.

Geschrieben von admin am 31. March 2008 | Abgelegt unter Kirche im Dunkeln | Keine Kommentare