1864-73 Zion

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Zionskirche, Berlin-Mitte

Kirchenpädagogen/Kirchenführer tun sich zunächst mit Kirchen des 19. Jahrhunderts schwer. Die nachfolgenden Bilder sollen helfen, sie näher kennenzulernen.

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 Die Zionskirche (August Orth), bereits 1864 begonnen, wurde auf Grund von finanziellen Schwierigkeiten erst 1873 eingeweiht. Somit widerspiegelt sie stärker die Schinkel-Nachfolge als die Gründerzeit. Die Kompaktheit der Kirche ist jedoch ein Merkmal des 19. Jahrhunderts, etwas, was sich aus der Frontalsicht gut zeigt. Die Bauteile, die sich aus der Schrägsicht (links) aufgefächert zeigen, erscheinen als eine einzige Baumasse. Diese Qualität wird gern der Romanik zugeschrieben, hat aber nur wenig mit dem späteren Historismus zu tun, bei dem die einzelnen Formen akkurat kopiert werden.

zion-web-altarraum-p1060394.jpgDer gesamte Innenraum ist von einer Empore umschlossen, auch der Chorraum. Hinter dem Altar führen Treppen nach unten und nach außen, aber auch an der Treppe gibt es interessante Details zu entdecken. Die Umfassung des Innenraums mit einer Empore ist der Suche nach dem evangelischen Predigtraum geschuldet. Neben dem Eisenacher Regulativ von 1861 gab es nach wie vor der Wunsch, sich von der eher als katholisch empfundenen Längskirche zu unterscheiden. Diese Suche wird lange andauern, über die Wiesbadener Reform bis zu Bartnings Sternkirche und die Weimarer Republik.

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Blattmaske unter einer Konsole der Zionskirche in Berlin-Stadtmitte (ca. 1873)

 Foto: Erika Grünewald

Die Blattmaske begegnet uns häufig in Kirchen (bekanntestes Beispiel: die Konsole des Reiters im Bamberger Dom). Der Kirchenpädagoge/Kirchenführer schaut eine Konsole  oder ein Kapitell an und bekommt plötzlich das Gefühl, die Konsole schaut zurück. Haare und Bart oder sogar das gesamte Gesicht werden von Akanthusblättern gebildet. Blattmasken sind keine rein christliche Erfindung, Beispiele sind bereits in der römischen Antike zu finden. Blattmasken wurden bis in die Renaissance als architektonische Zierde eingesetzt, verschwinden dann während des Barocks und der Aufklärung. Zur Zeit der deutschen Romantik lebten sie wieder auf, bei der Waldromantik und der Liebe zu gotisch-mystisch Alternativformen von Seelen unschwer vorstellbar.

Auch wenn es reizvoll ist, den Blattmasken eine besondere Bedeutung zukommen zu lassen, sind sie keiner nachweisbaren Ikonographie zuzuordnen.

Kirchenraumpädagogen und Kirchenführer können vielfach auf Blattmasken hinweisen – auf Konsolen, Kapitellen, Agraffen, im Chorgestühl. Für die kirchenpädagogische Arbeit mit Kindern stellen sie eine amüsante Quelle für Such- und Arbeitsmöglichkeiten dar.

zion-web-ausen-tempel-tor-p.jpgZwei Merkmale weisen auf Schinkel und auf einen Relikt des Klassizismus hin. Die Außenseite der Zionskirche zeigt Blindnischen in der Form von Toren zu antiken Tempeln. Sie haben keine Funktion außer der reinen Dekoration. Auf der Giebelspitze steht eine Palmette – wie zu antiken Zeiten – in der  von Schinkel bevorzugten, wohl von ihm selbst entworfenen Form.

Geschrieben von Grünewald am 23. January 2013 | Abgelegt unter 1864-73 Zion | Keine Kommentare