2.6. Das 19. Jh.

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Ägyptenrezeption im frühen 20. Jahrhundert

 

Ägyptenrezeption im frühen 20. Jahrhundert

 

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 Ägyptisierendes Grab & Detail der Säule auf dem Kirchhof Sophien II, Berlin-Mitte

Kirchenpädagogen und Kirchenraumpädagogen schließen Friedhöfe in ihre Führungen mit ein. Immer wieder begegnet man auf diesen Orten der Ruhe und Geschichte Krypten und Orte, die man so nicht gleich versteht. Dazu gehören welchen, die der ägyptischen Mode zu verdanken sind. Die “Ägyptische Expedition” Napoleons (1798-1801) löste eine europaweite Mode aus.  Weniger bekannt ist, dass es Anfang des 20. Jahrhunderts nochmal zu einer Faszination mit Ägypten kam.

Die Konferenz “Ägyptenrezeption im frühen 20. Jahrhundert” widmete sich im Mai 2014 dieser neuerlichen Welle. Weitere Information zur Konferenz unter http://arthist.net/archive/7640

Geschrieben von Grünewald am 11. May 2014 | Abgelegt unter 7. Friedhöfe,Ägypten | Keine Kommentare

Himmlische Botschaften!

 Der Fall des Menschen, seine Verfehlung und Rettung

Gemälde und Zeichnungen

24. November 2013 bis 2. März 2014

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Heinrich Carl Anton Mücke (1806 Breslau – 1891 Düsseldorf)

Übertragung des Leichnams der heiligen Katharina zum Berg Sinai, 1836/40

Museum Georg Schäfer, Schweinfurt

Die Ausstellung erschließt christliches Bildprogramm in Gemälden und Zeichnungen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts aus dem Bestand des Museums Georg Schäfer. Sie umfasst Botschaften des Neuen Testaments – von Christi Geburt über die Verkündigung zur Auferstehung (Saal 8). Starstücke der Nazarenerkunst wie Philipp Veits Die Darstellung im Tempel und Josef von Führichs Die Verkündigung der Geburt Mariens an die Heilige Anna feiern die Ankunft und das Erkennen des Messias. Klassische Bildthemen wie Der Stern von Bethlehem, Die drei Weisen aus dem Morgenland, Anbetung der Hirten und Die Krönung Mariens werden im Einzelnen auf entsprechende Überlieferungen der Bibel zurückgeführt und lassen die individuelle Interpretation des Künstlers aufscheinen.

 

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Ludwig Schnorr von Carolsfeld (1788 Königsberg – 1853 Wien)

Der letzte Mensch, 1831

Museum Georg Schäfer, Schweinfurt

Die Genremalerei überführt diesen Motivschatz in ein verweltlichtes Fest. Anklänge an Christi Geburt werden als Geschenk in den Alltag übersetzt, so bei Ernst Karl Georg Zimmermann, Friedrich Wasmann und Pius Ferdinand Messerschmitt (Saal 7). Die christliche Botschaft der Nächstenliebe kommt in verschiedenen Darstellungen zum Ausdruck, in Lorenzo Quaglios Armenspeisung in einer Klostervorhalle und in Ferdinand Georg Waldmüllers volkstümlichem Christmorgen. Die biblische Aussage der Nächstenliebe greift der romantisch-klassizistisch geprägte Friedrich Preller d. Ä. mit Der barmherzige Samariter auf. Den ganzen Beitrag lesen »

Geschrieben von Grünewald am 17. January 2014 | Abgelegt unter Beiträge | Keine Kommentare

Ägypten-Fieber

Die Ägypten-Expedition Napoleons, der dort eine neue Kolonie einrichten wollte (1798-1801), löste eine Ägypten-Welle in ganz Europa aus, die mehrere Jahrzehnte dauerte. Maßgeblich hierfür war weniger die Aktivität Napoleons, als die von ihm in Auftrag gegebene Dokumentation. Grundlegend waren die Publikationen von Dominique Vivant Denon (1802) und das monumentale Werk „Déscription de l’Egypte“, das zwischen 1809 und 1828 in 22 Bänden erschien. Weitere Monumente wurden 1818/1819 von Franz Christian Gau minuziös erforscht und anschließend in Paris veröffentlicht. Gaus Bilder dienen noch heute der Forschung und dem Erhalt von Bauten, die längst zerstört oder dem öffentlichen Auge entzogen sind (Assuan-Damm). Weitere Anregung gab die Veröffentlichung einer Imaginären Reise durch Ägypten, Nubien und die Cyrenaika von Norbert Bittner (1786-1851), der als Österreicher keine Ausreisegenehmigung für eine Ägypten-Reise erhielt. Seine Bilder verwendeten hauptsächlich die oben genannten Schriften, ergänzt sind im Sinne eines Bühnenbildners mit imaginären Figuren und Pflanzen, die eher in Europa als in Ägypten ihre Heimat haben. [1]

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Ein Löwenfuß des 19. Jahrhunderts. Selbst Badewannen machten nicht davor Halt!

Die Wahl ägyptischer Formen (Löwenfüße bei Schinkel, Sphingen auf Treppengeländer, Kapitelle aus Palmenblätter, Blumenblätter oder Nachahmungen der Säulen von Theben) sind in der Kunst – und an Kirchen! – vielfältig. Und phantasievoll. Selbst die Zauberflöte – heute ohne Ägypten kaum noch vorstellbar – wurde nachträglich mit ägyptischen Formen angereichert. Ursprünglich bezogen sich diese Attribute allein auf Sarastro, denn in Ägypten wurden religiöse Urformen gemutmaßt. Genaue Kenntnisse über das Land selbst hatten Mozart und Schikaneder nicht. [2]

Wie sind diese Formen einzustufen? Sie vorschnell als „Historismus“ zu bezeichnen verkennt den Geist der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Nicht die Nationsgründung und eine für König- und Kaiserreich angemessenen Ästhetik stehen hier im Vordergrund, sondern Entdeckergeist und ein humanistisches Ideal. Die Gesamtheit der europäischen Wurzel sollten entdeckt und bekannt gemacht werden. Bis Winckelmann bestand „die Antike“ aus römischen Hinterlassenschaften (vergleich hierzu die Stiche von Piranesi). Begeistert begrüßte die Öffentlichkeit die Bereicherung durch die ägyptische und die griechische Antike.

 

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Beispiele einer “Ägypten-Romantik” aus dem späten 18. und frühem 19. Jahrhundert; die Kirche in Dessau-Waldersee und zwei weitere im Einflussbereich des Fürsten Franz in Wörlitz

Ein wunderbares Beispiel der styl-übergreifenden Konglomeration ist die schlichte Saalkirche in Dessau-Waldersee, erbaut 1722-1725. Ursprünglich erbaut durch den Fürsten Leopold 1. anlässlich der Heimkehr seines Sohnes aus dem habsburgischen Türkenkrieg, erhielt sie 1816-17 durch Fürst Franz eine klassizistische Westseite samt Turm. Dieser ist von einem Obelisken gekrönt. Diese Grabeskirche ist auch kein Einzelfall. Pikant hier ist die politische Ikonographie, die entstanden ist. Der Obelisk, vielleicht das Symbol der Eroberungen Napoléons, wird nach dessen Sturz von einer Kirche getragen, der Institution, die Napoléon zu eliminieren suchte. (Oben: links die Kirche in Dessau-Waldersee, rechts daneben 2 Details aus der Umgebung von Wörlitz. Ganz rechts war unklar, ob man nun ägyptisch oder gotisch bauen sollte, entstanden ist eine Mischform.)

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 Zwei “ägyptische” Details, losgelöst von Kirchen. Links eine Palmen-Säule in der Bunsenstraße 1 (Berlin), rechts ein Zaundekor an der Charité (ebenfalls Berlin). Beide spätes 19. Jahrhundert

Etwas schwieriger einzustufen ist der Innenumbau der Leipziger Nikolai-Kirche. Von 1784 bis 1797 wurde sie durch den Stadtbaumeister Johann Carl Friedrich Dauthe grundlegend umgebaut, und zwar im klassizistischen Stil. Seine Umgestaltung ist stark beeinflusst durch die Architekturtheorie von Marc-Antoine Laugier, der im Manifest des Klassizismus (1753) für die „Korrektur“ von gotischen Formen mit klassischen Mitteln plädierte.[3] Dass Dautes Formen in der Tat klassizistisch sind bezeugen die Kassetten der Decke, die Umwandlung von gotischen in kannelierte Säulen (mit der Hilfe von Stuck), oder die Kapitellkissen, die griechische Ornamente zeigen.

Problematisch (klassizistisch gesehen) sind die Palmenblätter mit ihren Datteln. Wir haben es hier mit derselben  “Ägypten-Romantik” (Morenz) zu tun wie bei der Zauberflöte. Hier stand derselbe Gedanke Paten wie bei Sarastros Arie „O Isis und Osiris“ (Zauberflöte, 1791). Um Jan Assmann zu zitieren: “[Das] kennzeichnet die “Ägypten-Romantik (Morenz) dieser Zeit: die Idee, dass Weltbild, Religion und Kult des alten Ägypten nicht zusammen mit dieser Kultur ganz und gar untergegangen sind, sondern den Untergang dieses Reiches überdauert haben und in irgendwelchen Nischen oder Krypten des kulturellen Gedächtnisses noch überdauern, von wo sie sie jederzeit und jeden Orts wiederbelebt werden können […] Darin unterscheidet sich die Ägyptenromantik des 18. Jahrhunderts von der Ägyptomanie des Historismus.” Letzterer war sehr wohl bewusst, dass die alte Kultur tot und vergangen war, und gerade darin die Faszination empfand. [4] Kirchen des späten 18. Jahrhunderts, die sich mit Pyramiden oder Obelisken schmücken, deuten zugleich damit an, dass in diesen Räumen Mysterien der Ur-Religion überlebt haben. Sie bilden eine Art “Gütesiegel”.

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Ägypten-Historismus: Darstellung einer untergegangenen Zeit

Beim Relief vom Joseph-Altar (1911-12) in der Horber Stiftskirche (oben) handelt es sich um eine später Form des Ägypten-Historismus. Nicht als Andeutung von Mysterien wurde es in ägyptischen Formen gesetzt, sondern als Nachweis, dass die Gesellschaft über das Ursprungsland informiert ist, quasi als Bildungsnachweis. Der Wunsch nach historischer Korrektheit ist eine Spätform des Historismus, mit dem das Lange Jahrhundert bald ausklingt.

 [1] Ägypten, Nubien und die Cyrenaika. Die imaginäre Reise des Norbert Bittner (1786-1851), Katalog einer Ausstellung der Akademie der Bildenden Künste Wien vom 19. Januar bis 26. Februar 2012, Katalog im Auftrag der Winckelmann Gesellschaft, Stendal, Ruhpolding/Mainz: Verlag Franz Philipp Rutzen 2013.

[2] Jan Assmann, Die Zauberflöte, München/Wien: Carl Hanser Verlag 2005.

[3] Marc-Antoine Laugier, Das Minifest des Klassizismus, Zürich/München: Verlag für Architektur 1989.

[4] Assmann, S. 92-93.

Geschrieben von Grünewald am 24. February 2013 | Abgelegt unter Ägypten | Keine Kommentare

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