Cranach in der Kirchenpädagogik

Lucas Cranach der Ältere ist eine Schlüsselfigur der Reformation. Geschult und erfolgreich in der spätgotischen, katholischen Tradition, schloss sich Cranach Martin Luther an und schuf eine programmatische Kunst der Reformation. Dennoch wurde Cranach weiterhin mit Aufträgen für katholische Standorte beauftragt.

Ein Problem bei der Bewertung der Arbeit von Lucas Cranach ist die Bestimmung seiner Eigenhändigkeit. Der äußerst begehrte Künstler unterhielt einen umfangreichen Werkstatt. Cranach wurde nicht allein mit Altären und Epitaphen beauftragt, sondern illustrierte mit Holzschnitten die von Luther übersetzte Bibel, bemalte Schlitten, stellte Bühnendekoration her und katalogisierte Kunstsammlungen. Für die Bewältigung dieser Aufträge verteilte er Aufgaben an mehr oder auch weniger begabte Mitarbeiter. Wir sprechen deshalb oft von der “Cranach Schule”. Doch worin bestand die Eigenschaften Cranachs und wie kann der Kirchenpädagoge sich dem Bild nähern?

Beweinung Christi
Beweinung Christi, Cranach-Werkstatt.    St. Marienkirche, Berlin,     Foto: A. Mieth

Das Bild oben zeigt Charakteristika, die in der Tradition Cranachs  stehen. Die Gruppe um das Leichnam Christi zeigt die geschlossene Komposition der Spätgotik. Die Figuren stehen pyramidenförmig und geschlossen zusammen; sie lassen kaum Luft zwischen sich. Unten rundet der abgenommene Körper Christi wie eine Schale das Bild ab. Mit Sicherheit darf man über die Symbolik des Teilkreises nachdenken, sie suggeriert, dass Christus die Basis des Glaubens darstellt. Auch die Landschaft steht in der spätgotischen Tradition. Links (für uns) vom Kreuz ist das vor-christliche, irdische Jerusalem, rechts, deutlich erhöht und heller, steht das Himmlische Jerusalem. Beide werden traditionell durch das Kreuz von einander getrennt.

Die Neuerung, die durch Cranach eingeführt wurden, liegt in den Nebenkreuzen. Sie werden perspektivisch gedreht gezeigt, anstatt ikonisch frontal. Somit werden sie zu “Einstiegsmotiven” , das Augen gleitet ihnen entlang ins Bild. Als Cranach diese buchstäbliche Drehung ins Bild brachte, wurde sie als sensationell  gefeiert. Auch wird Cranachs Sinn für Naturtreue gelobt. Die Darstellung der am Kreuz hängenden, schlaffen Körper der Schächer gehört in diese Kategorie. Besonders typisch ist Cranachs Behandlung von Gesichtern als Typen. Ältere Herren – im Bild hier gibt es drei – werden mit quadratischen Gesichtern und geteilten Bärte stilisiert.

Neu für diese Zeit der Umbrüche ist auch die Bearbeitung von perspektivischen Details. Nicht nur die Nebenkreuze, sondern auch an einem Kopf (unter dem rechten Kreuz) wird die Verkürzung geübt. Der sonderbare Baum am linken Rand lässt vermuten, dass in diesem Werk der Versuch unternommen wurde, ein optisches Instrument für die Verkürzung zur Hilfe zu nehmen.

Es war der Verdienst Cranachs, dass er eine neue Bildikonographie für den lutherischen Glauben entwickelte, gefördert durch die langjährigen Freundschaft mit Martin Luther selbst. Gekonnt ins Bild gesetzt wurden jedoch nicht nur die neuen Glaubenssätze, sondern auch das Verhältnis der Herrscher und Auftraggeber zum Luthertum. Es entstand eine neue Ikonographie der Herrschaft, des Glaubensbekenntnisses und des Selbstbewusstseins führender Bürger.

Die Ausstellung “CRANACH: Die Kunst der Renaissance unter den Hohenzollern” (Oktober 2009-Januar 2010) stellte die komplexe Beziehung zwischen Kunst und Gesellschaft der Renaissance in Berlin erstmalig vor. Werke von Cranach und seinem Werkstatt, Begleitdokumente und Exponate belegten die dynamische Entwicklung des Zusammenspiels zwischen Politik und Religion, die Berlin lange prägte. Der gleichnamige Katalog ist für € 39,90 im Buchhandel erhältlich.

Grünewald 23. October 2009 Beiträge Keine Kommentare Trackback URI

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