Klassizismus – Herme

Figuren, die in der Kirchenpädagogik / Kirchenraumpädagogik immer wieder für Verwirrung und Unsicherheit sorgen, sind Umwandlungen der klassischen Herme. Ursprünglich als Kultbild des Hermes an Wegekreuzungen aufgestellt, besaß der Pfeilerschaft nur den Kopf, die angedeuteten Schulter und den Phallus des Wegegottes. In Form und Funktion wurde die Herme noch in der Antike abgewandelt. Sie ist eng verwandt mit den Karyatiden, Pfeiler in der Form weiblicher Figuren, die das Gebälk des Erechteions (Akropolis, Athen) tragen. Es entstanden bald Karyatidherme, Herme mit weiblichen Köpfen. Ferner verwandt sind sie mit Darstellungen des Titanen Atlas. Ursprünglich sollte Atlas nur die westliche Kante des Himmels hochhalten, in diesem Verständnis erhielt er in der Architektur eine stützende wie dekorative Rolle (Atlant). Späterhin – wahrscheinlich wegen der Symbolkraft – setzte sich die mythologisch inkorrekte Darstellung von Atlas als Träger der gesamten Erdkugel durch.

 

Diese Figuren wurden bereits in der Renaissance als Ornamente wieder aufgegriffen, wenn auch ohne jeglichen kultischen Bezug. Häufig ist der Pfeilerschaft mit Girlanden oder anderem Renaissanceschmuck verziert. Während der Barockzeit fanden die Hermen ihren Weg in die Kirchen. Mit Flügeln ausgestattet wurden sie sofort als Engelswesen gelesen und verloren ihren Bezug zur Antike.

 keryatidherme-webp1000261.jpg    Eine restaurierte Karyatidherme am Kronprinzenpalais in Berlin. Anstatt ein Polster zwischen dem Kopf und dem Gesims erinnert die Form eher an eine griechische Urne. Die Umwandlung derartigen Details kennzeichnen die kreative Rezeption der Antike anstatt der Kopie.

Im Klassizismus und besonders in der Folge der Forschungen von Winckelmann erlangten Hermen wieder ihre alte Beliebtheit als Fassadenschmuck, überwiegend auf Palais und, im 19. Jahrhundert, auf Bürgerhäusern.

karyatidherme-web-dsc08205.jpg

Eine Karyatidherme im historistischen Stil der Neo-Renaissance. Typisch für die Renaissance waren flache Verzierungen am Pfeilerschaft. Über dem Kopf kommt in diesem Fall anstatt eines in der Antike üblichen Polsters die Abwandlung eines gotischen Blattkapitells. [Berlin, Dorotheenstraße, Ende des 19. Jahrhunderts, heute Bundes Pressestelle.]

 

 

 

 

 

 

 

 

  atlangherme-web-dsc08223.jpg     bacchusatlantherme-web-dsc0.jpg

Links: Durch die Haltung der Arme erinnert diese männliche Herme ebenfalls an einen Atlanten. Die Figur auf dem ersten Stock hält allerdings seinen Umhang und nicht das Gesims.

 Rechts: Noch deutlicher ist die Atlas-Haltung bei der Figur sichtbar, die den Eingang zum Hotel flankiert. Seine Funktion als Herme ist kaum noch zu erkennen (der Pfeilerschaft reicht bis zum Boden). Auch in seiner Ikonographie ist der Künstler ambivalent: Die Trauben und Reben um den Kopf sowie die Haltung, die den Traubenköcher tragen könnte, gehören zum Bacchus. Das um die Lenden geschürzte Löwenfell hört zum Herkules.

 [Berlin, Dorotheenstraße, Splendid Hotel, 1904]

Vor diesem Hintergrund wird die Figur eines Engels, der die barocke Orgel trägt, verständlicher.

engelherme-2-web-dsc08241.jpg

 

 Engelherme der Joachim-Wagner-Orgel der St. Marienkirche, Berlin-Mitte. Die Trägerfunktion wird in der Haltung der Hände bewusst festgelegt. Die leichte Neigung des Kopfes lässt schließen, dass auch er sich am Tragen der Last beteiligt. Denkt man sich die Flügel weg, unterscheidet sich diese Herme keineswegs von denen im säkularen Bereich.

 

Das letzte Beispiel zeigt einen völlig neuen Themenbereich in Verbindung mit der alten Funktion der Herme: einen Indianer. Für diese Formenverbindung gab es keine Vorbilder, so dass sich der Kopf und vor allem der Hals nicht völlig  harmonisch in die tradierten Formen der Herme einfügen.

 indianerherme-web-dsc08222.jpg

IndianerHerme am Spledid Hotel, Berlin-Mitte

Grünewald 17. January 2011 2.0. Begriffe,Bilder Keine Kommentare Trackback URI

Kommentarfunktion ist deaktiviert.