Gedrehte Säulen

Die gedrehten Säulen, eine augenscheinliche Spielerei, sind in Wahrheit ein Hinweis auf das Tempel Salomons. Das Motiv taucht wiederholt über die Jahrhunderte auf, zunächst in Buchminiaturen des Mittelalters. Beliebt war die Darstellung eines durch gedrehte Säulen gesonderten Raumes wo ein Evangelist das Wort des Herrn aufschreibt. Sowohl die gedrehten Säulen als auch der durch sie gesonderte Raum deuten auf die außer-weltlichen, geheiligte Tätigkeit.

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Eine gedrehte Säule in der Passionskirche in Berlin-Kreuzberg

Besonders nachhaltig hat sie der  Bildhauer und Architekt Gian Lorenzo Bernini im Petersdom inkorporiert. Unterhalb der Kuppel entstand 1624 bis 1633 der Papstaltar über dem überlieferten Petrusgrab, überspannt von einem bronzenen Baldachin. Vier gewundene Säulen mit korinthischen Kapitellen stützen den Baldachin. Zwischen ihnen reihen sich kleine bezottelte Wimpel mit Attributen des damaligen Papstes.

Dieses Werk des römischen Hochbarocks bescherte Generationen von barocken Kirchen mit Nachahmungen, besonders in ländlichen Gegenden. Das römische Original wurde in Bronze gegossen, aber es wurde gern kostengünstiger in Stuck nachgebaut. Konnte sich eine arme Gemeinde diese aufwändige Arbeit nicht leisten, so wurden die schräg verlaufenden Formen zumindest farblich aufgemalt, mal mit künstlerischem Geschick, mal eher stümperhaft. Doch in evangelischen Kirchen zur Zeit der Konfessionalisierung vernachlässigte die räumliche Ausrichtung zunehmend den Altar und nahm die Kanzel in den Fokus. Die Wimpel mit den Zotteln ließen sie jedoch nicht zurück. Diese verließen ihren Ort über dem Papstaltar und wanderten ebenfalls zu den Kanzeln des 17. und 18. Jahrhunderts über, jetzt freilich ohne päpstliche Insignia.

Im Historismus des 19. und frühen 20. Jahrhunderts tauchten die gedrehten Säulen wieder auf. Die Passionskirche in der Tempelhofer Vorstadt (Kreuzberg) wurde 1905–1908 als dritte Kirche der Heilig-Kreuz-Gemeinde nach Plänen des Baurates Theodor Astfalck errichtet. Die monumentale wilhelminische Kirche wurde im neuromanischen Stil aus Backstein im Klosterformat gebaut. Ob die angedeutete Zwerggalerie, die über den Köpfen der vier Evangelisten in der Passionskirche verläuft, sich bewusst auf das Tempel Salomos bezieht oder ob gedrehte Säulen einfach „zum Vokabular“ des Historismus gehörten, lässt sich heute nicht mehr mit Sicherheit feststellen.Für Kirchenpädagogen und Kirchenraumpädagogen sind sie jedoch unverzichtbare Details, die zu einer Theologie des Raumes beitragen.

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Die Zwerggalerie über den vier Evangelisten, Passionskirche in Berlin-Kreuzberg

Grünewald 11. February 2011 2.0. Begriffe Keine Kommentare Trackback URI

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