Archiv für das Tag 'Expressionismus'

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Fassadendetails für Kirchenführer und Kirchenpädagogen

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Reich verzierte Südfassade der Burgkapelle in Ziesar, 2. Hälfte 15. Jahrhunderts
Foto: mit freundlicher Genehmigung des Burgmuseums Ziesar

“Die Kapelle wurde 1470 von Bischof Dietrich von Stechow (1459-72) geweiht. Ihre repräsentative Südfassade mit hohen Fenstern und den vertikalen, als Lisenen ausgebildeten Strebepfeilern geben dem Bauwerk Höhe und eine gewisse Leichtigkeit – ganz dem architektonischen Verständnis der Gotik entsprechend. Das Eingangsportal ist von einem mit Maßwerk ausgefülltem Rahmen umgeben, das Tymapanon wird von einem Kielbogen umschlossen. Die reich verzierte Fassade ist ein Meisterwerk der märkischen Backsteinarchitektur.” [Text: www.burg-ziesar.de]

Kirchenpädagogen und Kirchenführer erfreuen sich an solchen spätgotischen Spielereien, geben sie doch Anlass zu Kreativ- und Suchaufgaben. Weniger bekannt ist deren Rolle als Vorbilder für die letzte Welle des Backsteinhistorismus, in Kirchen, die sich bereits am Jugendstil und Expressionismus versuchen. Zwei Beispiele stehen für viele:

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Links behält der Portal der Pfingstkirche (1908) noch die geschwungene Form des Bootskielbogens, sie passt auch zum Jugendstil des Innenraums. Rechts zeigt die Heilig-Geist-Kirche (1905-06) die strengeren Linien des sich anbahnenden Expressionismus, der besonders im oberen Teil des Turms sichtbar wird. Beide Kirchen im Kirchenkreis Berlin-Stadtmitte.

Fotos: Erika Grünewald

Geschrieben von Grünewald am 26. January 2013 | Abgelegt unter a. um 1900 | Keine Kommentare

Vorkriegsformen in Nachkriegskirchen

Um den Bedarf an Kirchen nach den Zerstörungen und Völkerverschiebungen am Ende des Zweiten Weltkriegs abzudecken, wurden Ideen aufgegriffen, die bereits vor 1933 entstanden. Das Resultat waren Kirchen, die, heute betrachtet, bisweilen befremden. Beim Wettbewerb mit der Industrie um die Höhe im städtischen Profil griffen Architekten der 20er Jahren zu Formen, die der Industrie selbst entstammten. Entwürfe für Glockentürme, beispielsweise, zeigen Designs, die sich von  Kohlefördertürmen kaum unterscheiden. Andere griffen unverhohlen zum Schornstein. Diese Entwürfe überlebten den Zweiten Weltkrieg in Schubladen und tauchten in Nachkriegskirchen wieder auf. Für die Kirchenpädagogik stellt sich somit das Datieren einer Kirche als Problem dar. Das nachfolgende Beispiel zeigt die Kirche Zu den Zwölf Aposteln in Hamburg-Lurup. Sie wurde 1957/58 vom Architekten F. Kraft errichtet und mit Glasfenster von Siegfried Assmann ausgestattet. Gleichzeitig zeigt der Glockenturm über deutlich die Entlehnung aus der industriellen Formsprache.

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Zu den Zwölf Aposteln, Hamburg-Lurup, 1957/58, Architekt F. Kraft 

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Trapezförmige Decke im Innenraum der Kirche Zu den Zwölf Aposteln

Aber auch andere Teile der Kirche kommen direkt vom Reißbrett der 20er Jahre. Expressionistische Elemente, in ihrer Eignung als würdige Formen für eine Gotteshaus heiß umstritten, prägen ebenfalls den Kirchenbau. Die trapezförmige Decke wurde 1926 von Emil Heynen für die Heilandskirche in Hamburg-Winterhude verwendet und ein Jahr später in der Bugenhagenkirche in Hamburg-Barmbek. Sie erzeugten einen Aufschrei sowohl der Begeisterung als auch der Empörung, denn sie wurde mit einem Tanzsaal oder Kino verglichen. Die Luruper Kirche greift die Trapezform wieder auf. Heynen hat Betonquerbinder verwendet, um den Einraum zu erzeugen. Heute sind wir an diese strukturelle Möglichkeit derart gewöhnt, dass uns der Blick für die bahnbrechende Neuigkeit der 20er Jahre verstellt ist.


 

 

Geschrieben von Grünewald am 29. August 2009 | Abgelegt unter d. ab 1948 | Keine Kommentare